Thomas Neidhart
Bäckermeister
Erster Bürgermeister 1930 bis 1933 und Mai 1945 bis September 1945
Ehrenbürger des Marktes Oberstdorf
Dem Beschluss des Marktgemeinderats Oberstdorf vom 10. Oktober 1957 entsprechend, wird Herr Altbürgermeister Thomas Neidhart anlässlich seines 70. Geburtstages nach Art. 16 der Bayerischen Gemeindeordnung zum Ehrenbürger von Oberstdorf ernannt.
Die Ernennung erfolgt in besonderer Würdigung und Anerkennung seiner vielseitigen und langjährigen Tätigkeit als Gemeinderat, als 2. und 1. Bürgermeister in den Jahren von 1925 bis 1933, 1945 in schwerster Zeit und 1948 bis 1952, und in seiner in langen Jahren erworbenen großen Verdienste um das Allgemeinwohl der Kurortgemeinde Oberstdorf.
Aus dem Band 4 der Geschichte des Marktes Oberstdorf
Der 10. Dezember 1930 war dann der bedeutungsvolle Tag, an dem die Postkraftwagenlinie Oberstdorf-Mittelberg feierlich eröffent werden konnte.
Auch für Bürgermeister Neidhart wurde es ein bedeutsamer Akt, die umgebaute Straße, deren Einweihung durch Pfarrer Kohl auf der Reute erfolgte, in Empfang nehmen zu können. Durch die Beischaffung der Mittel durch den bayerischen Staat, die Reispost, den Bezirk, den österreichischen Staat, das Land Vorarlberg und die beteiligten Gemeinden war der Umbau der Straße zustande gekommen.
Aus dem Band 5 der Geschichte des Marktes Oberstdorf (gekürzt)
Am 21. April 1933 trat der Gemeinderat zu einer schicksalhaften Sitzung zusammen, in der Bürgermeister Neidhart einen Rechenschaftsbericht abgab über die unfreiwillig kurze Amtszeit des scheidenden Gemeinderats. Dann wandte sich Kurdirektor und Gemeinderat Hermann Schallhammer an seine Kollegen: Sie werden es verstehen, daß es mir schwer fällt, mit der gewohnten Frische zu Ihnen zu sprechen und ich tief ergriffen bin angesichts der Veränderungen, die hier in unserem Kreise, die auch wir auf dem nationalen Boden stehen, und stets unsere Pflicht getan haben, vorgegangen sind. Dem Ersten Bürgermeister Neidhardt gebührt unser aller herzlichster Dank, der stets zum Wohle des Ortes, zum Wohle aller und zu niemandem Leid gewirkt hat. Neidhart dankte den Gemeinderäten sowie den Beamten und Angestellten der Marktgemeinde für ihre selbstlose Mitarbeit und den unparteiischen Eifer bei der Erfüllung ihrer Pflichten und schloss mit den Worten: Ich schließe nun die heutige letzte öffentliche Sitzung der scheidenden Gemeindevertretung und lege die Geschicke unseres Ortes in die Hände der neuen Männer der kommenden Gemeindevertretung. Wir scheiden in dem ruhigen und angenehmen Bewußtsein, daß unsere Arbeit nur von dem einen Gedanken getragen war, alles zum Wohle unseres lieben Oberstdorfs. Ich verbinde hiermit den Wunsch, daß es der neuen Gemeindevertretung gelingen möge, an der ersehnten Besserung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse und dem Aufbau unseres deutschen Vaterlandes tatkräftig mitzuhelfen und nicht zuletzt für unseren schönen deutschen Kurort Oberstdorf. Neidhart verabschiedet sich von jedem Gemeinderatsmitglied durch persönlichen Handschlag. Die neue Zeit hatte auch in Oberstdorf begonnen und Thomas Neidhart reihte sich ein unter die 62% der Bürgermeister in Südbayern, die zwischen 1932 und 1934 ihren Platz räumen mussten.
Immerhin gab es zu diesem Zeitpunkt neben der NSDAP noch zwei Parteien, die im gleichgeschalteten Oberstdorfer Gemeinderat vertreten waren: Die DNVP mit drei Mitgliedern, darunter dem unter Zwang zurückgetretenen Bürgermeister Thomas Neidhart und Kurdirektor Hermann Schallhammer sowie die BVP, die Bayerische Volkspartei mit zwei Mitgliedern. Unter den zehn neuen Gemeinderäten der NSDAP befanden sich neben dem Direktor der Nebelhornbahn verschiedene selbstständige Handwerksmeister und der stellvertretender NSDAP-Ortsgruppenleiter. Dieses Gremium trat am 24. April 1933 zusammen, um unter der Wahlleitung von Thomas Neidhart den neuen Bürgermeister zu wählen. Als erster erbat sich Hermann Schallhammer das Wort und tat in vorsichtiger, aber deutlicher Weise den Unmut kund, dass weder die DNVP noch die BVP über den Kandidaten der NSDAP informiert worden waren. Schallhammer fuhr fort: Herr Bürgermeister Neidhart hat als Oberstdorfer vom Vertrauen getragen, diese Interessen wahrgenommen und seine Schuldigkeit getan. Als Dankespflicht halte ich es für angebracht, diesen Mann wieder als 1. Bürgermeister vorzuschlagen. Herr Bürgermeister Neidhart ist damals von einem großen Teil der Bevölkerung gewählt worden, die heute durch die Gleichschaltung nicht mehr in die Entscheidung mit eingreifen kann […].
Am 21. Juli beschloss der Gemeinderat – die nicht nationalsozialistischen Gemeinderäte Neidhart, Schallhammer und Dr. Witzgall waren abwesend – die Einrichtung eines gemeindlichen Verkehrsamtes. Sanitätsrat Dr. Otto Reh erinnerte an die Erfolge während der letzten 65 Jahre. Reh schlug vor, seine Anerkennung für diese Leistung dadurch zu zeigen, dass man die alte Vorstandschaft wiederwähle und schlug die Herren Rief und Neidhart als ersten und zweiten Vorstand vor. In Geheimer Wahl wurden die von Dr. Reh vorgeschlagenen Kandidaten gewählt.
Die Männer, die beruflich und ehrenamtlich die Geschicke Oberstdorfs leiteten, allen voran Bürgermeister Neidhart, Ortspfleger Brutscher und Kurdirektor Schallhammer, bewiesen während der ersten drei Jahre des neuen Jahrzehnts, dass sie auch ohne Führerprinzip in der Lage waren, ihren Ort voranzubringen. Dies bedeutete vor allem: Entwicklung des Fremdenverkehrs und Ausbau der Infrastruktur. Die größte Leistung dieser Zeit war die Fertigstellung der Nebelhornbahn. Bereits 1914 hatten fünf fortschrittlich denkende
Oberstdorfer das Nebelhornbahnprojekt so weit vorangetrieben, dass die Münchner Firma Fühles & Schulze vom Verkehrsministerium die Konzession zum Bau der hochmodernen Seilschwebebahn erhalten hatte.
1. Mai 1945.
Karl Richter blieb unter der Aufsicht der französischen Besatzer Ortskommandant. Die Verantwortung für Sicherheit und Ordnung blieb beim Heimatschutz, der seine Waffen behalten durfte. Der von den Nationalsozialisten aus dem Rathaus gedrängte ehemalige Erste Bürgermeister, Thomas Neidhart, der mit Karl Richter die französischen Truppen an der Breitachbrücke begrüßt hatte, wurde als Bürgermeister bestätigt.
13. Juli 1945
Bürgermeister Neidhart erhielt die Anweisung, den Heimatschutz aufzulösen und die Auflösung öffentlich bekannt zu machen.
Das größte Problem aber war die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Bürgermeister Neidhart machte den französischen Kommandanten am 17. Mai 1945 auf die bedrohliche Ernährungssituation aufmerksam.
Zwischen August und Oktober 1945 waren mehrere Bürgermeisterwechsel und Entlassungen zu verzeichnen. Der Heimatschutzchef Karl Richter, der kurz vor dem Abzug der Franzosen gegen den Willen von Bürgermeister Thomas Neidhart und der Gemeinderäte die Stellung des Stellvertreters des Bürgermeisters erzwungen hatte, wurde entmachtet und durch den 1933 abgesetzten Zweiten Bürgermeister, den Landwirt Hans Gehring, ersetzt. Damit waren die Bürgermeisterämter wieder besetzt von den Männern, die im Apri 1933 aus ihnen vertrieben worden waren. Im September 1945 trat der Erste Bürgermeister Thomas Neidhart nach dem Tod seiner Frau zurück.
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