Rosi Maucher
Schon 1894 hatte das Kurbad Maucher in der Pfarrstraße seinen Anfang genommen. Der Großvater von Rosi Maucher, Bäckermeister Georg Hitz, hatte unter Ausnutzung der Backofenwärme ein Badezimmer für Gäste eingerichtet. *1 / *2
Die Bäckerei zog später in ein anderes Haus, das Kurbad im „Schochenhaus“, wie das
Haus inzwischen genannt wurde und die medizinischen Anwendungen wurden erweitert, z. B. durch medizinische Bäder, Massagen und Parapack-Packungen – damit ist dies die älteste Kureinrichtung in der Gemeinde. Gästezimmer, damals noch Fremdenzimmer genannt, kamen hinzu. Ab 1921 stand das Kurbad Mauher unter der Leitung der Tochter Christine und des Schwiegersohns Matthäus Maucher. Im April 1949 eröffnete Mathäus Maucher im Schochenhaus eine Finnische Sauna, was in verschiedenen Kreisen als sittlich sehr gefährlich angesehen wurde.
Die beiden Töchter der Familie, Christl und Rosi, besuchten während des Krieges die Realschule, früher Mittelschule genannt, und das Internat der Klosterschule auf der Fraueninsel Chiemsee.
Christl, zwei Jahre älter als Rosi, stürzte während des Kriegs im Alter von 21 Jahren in den Bergen tödlich ab, ein Bruder starb noch im Kleinkindalter.
So lag es an Rosi schon als junge Frau in die Arbeit im Kurbad einzusteigen und es mit dem Vater zu führen. Der Beruf der Masseurin und Bademeisterin, ganz im Sinne von Pfarrer Kneipp, wurde zu ihrer Herzensangelegenheit.
Nach dem Tode des Vaters 1957 übernahm Rosi Maucher das Kurbad. Eine zusätzliche Ausbildung in der Bindegewebsmassage nach Dr. Helmrich und Lehrgängen für Kneippanwendngen in Bad Wörishofen erweiterten beständig das Angebot im Kurbad.
Sie führte die Tradition der Familie und des Kurbades als älteste Kureinrichtung im Ort fort und unterstützte damit die weitere Entwicklung Oberstdorfs als heilklimatischer Kurort. Schon der Großvater hatte die heilklimatischen Werte der Oberstdorfer Luft erkannt.
Durch den Ausbau des Dachgeschosses für die eigene Familie kamen in den 1960er Jahren neue Gästezimmer im 1. Stock des Hauses dazu.
Es ging Rosi Maucher immer darum, den Menschen und Erholungssuchenden bei kleinen und größeren Leiden mit Kuranwendungen zu helfen. Sie betreute und behandelte Einheimische und Gäste. Die Anwendungen wurden inzwischen vermehrt auch von Ärzten im Ort offene Badekuren verschrieben oder per Rezept von zu Haus aus verordnet. Rosi Maucher kümmerte sich um Ordensschwestern der „Englischen Fräulein“. Ihre Tante Febronia war eine Ordensfrau im Orden Maria Ward in Augsburg und Mindelheim. Sie behandelte Skispringer in der Unterkunft am Freibergsee ebenso wie Eisläufer, die im Bundesleitungszentrum trainierten. Mancher Sportler wohnte auch in einem der Gästezimmer im Haus und freute sich über ein gutes Mittagessen am Familientisch.
Der Eiskunstläufer Christopher Dean beispielsweise liebte den Kaiserschmarren im Schochenhaus. (Das britsche Eistanzpaar Jayne Torvill und Christpher Dean waren in den Jahren 1981 bis 1994 Olympiasieger, vier Mal Weltmeister und vier Mal Europameister).
Immer war es Rosi Maucher ein Anliegen, den Menschen die eigene Fürsorge für Körper. Geist und Seele ans Herz zu legen.
So kam der Schriftsteller Otto Heinrich Kühner ins Schochenhaus, später auch mit seiner Ehefrau Christine Brückner, ebenfalls Schriftstellerin, die in ihrer Erzählung „Das Schochenhaus im Allgäu“ über Rosi Maucher geschrieben hatte. Hilfe und Unterstützung bei ihrem Einsatz für die Menschen hatte Rosi Maucher durch ihre Hausangestellte Maria Füssinger, die zur Familie gehörte und für Kinder, Haushalt und Geschäft gesorgt hat.
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1894 Jahr begründete Georg Hitz, der eigentlich eine Bäckerei betrieb, in den Räumen hinter seiner Backstube das erste „Wannenbad“ in Oberstdorf. Er hatte bereits im 19. Jahrhundert begriffen, was später selbstverständlich wurde: Um das Bergbauerndorf zum attraktiven Kurort zu entwickeln, galt es die heilklimatischen Werte der klaren Gebirgsluft und der schönen Landschaft durch „Kurmittel“ zu ergänzen. Der Oberstdorfer Arzt Dr. Reh und sein Dresdener Kollege Prof. Thürlings hatten in ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen bereits festgestellt: „Oberstdorf eignet sich für alle Erkrankungen, bei welchen verdünnte Luft, Höhenklima und ergänzende Behandlungen durch Bäder angezeigt sind“. Prof. Dr. Thürlings wies auch darauf hin, dass „kalte und warme Bäder, auch medizinische, im Schochenhaus eingerichtet und den Kurgästen zugänglich“ seien.
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Wie aus der Familienchronik hervorgeht, war Georg Hitz ein ungewöhnlicher Mensch. Als lediges Kind musste er früh lernen, sich zu behaupten und durchzubeißen. Nachdem er zunächst einige Jahre bei fremden Bauern als Knecht gedient hatte, erlernte er das Bäckerhandwerk und heiratete die Tochter des wohlhabenden Gutsherren Weissenhorn aus Schochen, obwohl deren Eltern sie lieber mit einem reichen Kaufmann verheiratet gesehen hätten. Um diesen „riskanten Sprung ins Ungewisse“ abzufedern, stattete der Brautvater seine Tochter mit einer Mitgift von 20 000 Goldmark aus und kaufte für die Brautleute in Oberstdorf das Haus „Titscher“, das von den Oberstdorfern seither „Schochenhaus“ genannt wird. Hier richtete Georg Hitz 1894 eine „Bäckerei samt Ökonomie“ ein und kam dann auf die Bahn brechende Idee, die Wärme seines Backofens zur Badewassererwärmung zu nutzen.
Zu dieser Zeit gab es außer den Freibädern am Moorweiher und Freibergsee keine andere Bademöglichkeit im Dorf. „Das Unternehmen des Bäckers Hitz entwickelte sich außergewöhnlich schnell und bald konnte er im Schochenhaus medizinische Bäder der verschiedensten Art verabreichen und sich auf Elektro-Lichtbäder ausweiten“, heißt es in der „Geschichte des Marktes Oberstdorf“ über die Entwicklung dieser wohl ältesten Oberstdorfer physikalischen Kureinrichtung. Nachdem Georg Hitz mit seinem Geschäft in einen Neubau umgezogen war, vergrößerte er seine „Badeanstalt“. Jetzt standen den Kurgästen dort in zehn Badezimmern zwölf Email- und eine für Moorbäder benötigte Holzbadewanne zur Verfügung. In einem der Baderäume befand sich zusätzlich ein „Schwitzkasten“. Mit folgendem Vers machte Hitz Werbung für sein neues „Kurbad“ im Schochenhaus: „Kongestion zu Kopf und Herzen/Hexenschuss und Rückenschmerzen/ wasche ab im Wannenbad“. Georg Hitz übergab 1921 das „Schochenhaus“ seiner ältesten Tochter Christine, die Matthäus Maucher heiratete. Dieser spezialisierte sich auf die „Para-Bäder“ zur Behandlung von rheumatischen Beschwerden. Später ließ er den ersten Saunaofen und ein Tauchbecken im „Schochenhaus“ einbauen und sorgte damit für einiges Aufsehen im Dorf.
Während ihres Umgangs mit den Gästen hat Rosi Maucher immer wieder erlebt, dass die Gesundheit eines der höchsten Güter ist und deshalb auch die Bereitschaft der Gäste zunimmt, im Urlaub etwas für ihre Gesundheit zu tun. Aber: Die wichtigste Voraussetzung für die Gesundheit sei der Einklang von Körper und Seele. „Wenn jemand meint, Gesundheit und Wohlbefinden hängen nur von Dingen ab, die er mit Geld kaufen kann, sollte er darüber einmal nachden- ken“, sieht sie die damalige Idee ihres weitsichtigen Großvaters bestätigt.
1937 erhielt Oberstdorf offiziell das Prädikat „Heilklimatischer Kurort“, zur damaligen Zeit das höchste Prädikat für einen Tourismusort, das in ganz Bayern nur zweimal vergeben wurde. Parallel zur Entwicklung des Kurwesens in Oberstdorf stiegen auch die Gästezahlen. 1913 kamen 209 737 Kurgäste. 1930 war die Anzahl der Übernachtungen bereits auf 412 136 gestiegen.
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