Hochfeichter Ludwig
1. Bürgermeister 21.06.1919 bis 31.12.1924,
2. Bürgermeister 01.01.1925 bis 31.12.1929
Oberalpmeister 1919 bis ?
Ehrenbürger des Marktes Oberstdorf
Der Titel wurde Ludwig Hochfeichter verliehen am 26. August 1944 für seine uneingennützige Tätigkeit für Staat, Gemeinde und sonstige öffentliche Einrichtungen. Er hat sich in 25 Jahren Gemeindetätigkeit ausgezeichnet bei der Förderung von kulturellen Belangen, von Landwirtschaft und Fremdenverkehr, bei der Gründung der Realschule, beim Waldfriedhof, bei der Erbauung der Nebelhornbahn und vielem anderen.
Altbürgermeister
Quelle: Die Geschichte des Marktes Oberstdorf, Band V, Ein Dorf im Spiegel seiner Zeit
Oberstdorf 1918 – 1952, Autorin Angelika Patel
Auszüge:
Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln war die vordringlichste Aufgabe von Bürgermeister Hochfeichter, als er im Sommer 1919 sein Amt antrat. Neben der Verwaltung des Mangels – wie Ludwig Hochfeichter es nannte – oblag der Gemeindeführung eine Gratwanderung ganz besonderer Art: den Wiederaufbau des Fremdenverkehrs zu fördern, ohne die ohnehin schon prekäre Versorgungslage der einheimischen Bevölkerung zu verschärfen. Lebten laut Bericht an den Kommunalverband am 30. November 1918 nur 2 852 Versorgungsberechtigte in Oberstdorf, so war diese Zahl am 25. Juli 1919 bereits auf 4 290 angestiegen, da immer mehr Ruhesuchende den Wirren und Gefahren der Großstädte im friedlichen Allgäu entgehen wollten.
Allen Bedürfnissen und Bedürftigen gerecht zu werden, kam der Quadratur des Kreises gleich und es verwundert nicht, dass Ludwig Hochfeichter während der folgenden fünf Jahre sein dornenreiches Amt zweimal niederlegen wollte.
Auch im Inflationsjahr 1923 waren es vor allem Bürgermeister Ludwig Hochfeichter und Ortspfleger Ludwig Brutscher – inzwischen unterstützt von Hermann Schallhammer – , die mit Besonnenheit, ruhigem Abwägen, Blick fürs Detail und nicht selten trockenem Humor die Geschicke Oberstdorfs führten. Bürgermeister Ludwig Hochfeichter zeigte dabei immer wieder ein hohes Maß an sozialer Verantwortung. Die berechtigten Klagen der lokalen Landwirte und Geschäftsleute verstellten ihm nicht den Blick für die größere Not anderer, z.B. der Ausgewiesenen aus der von den Siegermächten besetzten bayerischen Pfalz. 22 Familien waren dem Bezirksamt Sonthofen zugewiesen worden, von denen zehn in Oberstdorfer Gasthäusern untergebracht werden sollten. Die Hoteliers hatten dagegen Einspruch erhoben. Das Gemeinderatsprotokoll vom 12. September 1923 gibt Einblick in Hochfeichters Führungsstil: Bürgermeister Hochfeichter ist der Meinung, daß es unbedingt Pflicht aller sei, sich der Ausgewiesenen anzunehmen. So einfach, wie das Bezirksamt annimmt, liegen nun aber die Dinge in Oberstdorf nicht; denn die Mieten am Orte seien so geregelt, daß entbehrliche Räume eben nicht vorhanden sind. Zudem sei Oberstdorf schon in weitem Umfange durch Kurgäste, die wegen der Sperrmaßnahmen etc. nicht nach Hause könnten, beansprucht. Trotz all dem können die Ausgewiesenen aber nicht auf die Straße verwiesen werden und müsse man daher nach Mitteln und Wegen suchen, um die Ausgewiesenen unterbringen zu können, wenigstens vorläufig. Denn wenn sie warten müssen, bis der Staat eingreift, bekommen sie wohl gar nichts. Daß die Gemeinde bei den Bemühungen besagter Art allseits Entgegenkommen und Unterstützung findet, dürfte wohl erwartet werden.
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Wenige Monate vor Ablauf seiner fünfjährigen Amtszeit als Erster Bürgermeister gelang Ludwig Hochfeichter mit tatkräftiger Unterstützung von Marktsekretär Georg Bisle ein in der Kommunalpolitik wohl einmaliger Coup: Innerhalb von nur acht Tagen – zwischen dem 23. August und dem 2. September 1924 – wurde in Oberstdorf ein Privatrealschulverein gegründet, von den Münchner Behörden die Genehmigung für die Schule eingeholt und sie mit 41 Schülern feierlich eröffnet.
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Als im Dezember 1924 die Amtszeit von Bürgermeister Ludwig Hochfeichter nach fünf Jahren zu Ende ging, ließ er die Oberstdorfer wissen, dass er für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung stehe.
Bei der Wahl des Zweiten Bürgermeisters schlug zur allgemeinen Überraschung Landwirtschaft und Gewerbe ihren eigenen Kandidaten vor: Ludwig Hochfeichter, der es sich doch anders überlegt hatte. Mit vierzehn von fünfzehn Stimmen wurde er gewählt und meinte – sicher nicht ohne Ironie – er werde seine Kräfte der Gemeinde zur Verfügung stellen, soweit er es eben vermöge.
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Noch vor der Übergabe der Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger hielt Ludwig Hochfeichter am 22. Dezember 1924 eine Bürgerversammlung zum Thema Friedhof im Hirsch ab. Dabei kristallisierte sich die Lösung Nord (der heutige Standort Waldfriedhof) als die von den Experten und der neuen Gemeindeführung bevorzugte heraus. Zweiter Bürgermeister Hochfeichter verteidigte diesen Standort, in der Frage werde viel Hetze getrieben; ihn könne diese Hetze aber nicht von seiner Meinung umstimmen; er sei nach wie vor für eine Anlage nördlich der Fabrik. Und bei dieser Meinung bleibe er auch, wenn ganz Oberstdorf morgen gegenteiliger Ansicht werden sollte.
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Das Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 26. September 1934 dokumentiert überraschende Entwicklungen. Die Sitzung wurde geleitet von Ludwig Fink, der inzwischen auf Druck der Kreisleitung kommissarisch eingesetzter Erster Bürgermeister war. Auch der Gemeinderat war im Benehmen mit der Kreisleitung der NSDAP radikal umgestaltet worden. Unter den 12 neuen Gemeinderäten befand sich einer, den man in einer nationalsozialistischen Gemeindeverwaltung nicht erwartet hätte: Altbürgermeister und Alpmeister Ludwig Hochfeichter.
Nachdem keine persönlichen Dokumente Ludwig Hochfeichters überliefert sind, ist man auf Vermutungen angewiesen, welche Motive den fast 60-jährigen dazu bewogen, als Nicht-Parteimitglied einem Gemeinderat anzugehören, der mindestens zur Hälfte aus Nationalsozialisten der ersten Stunde bestand.
Ludwig Hochfeichter wusste, worauf er sich einließ, als er 1934 erneut lokalpolitisch tätig wurde. Er wusste um den aggressiven Antisemitismus der NSDAP, er war ein politisch mit allen Wassern gewaschener, bodenständiger, pragmatisch-ausgleichender, gescheiter Mann. Er hatte es nicht nötig, sich an die Fleischtöpfe der Macht zu drängen und teilte vermutlich auch während der ersten Jahre nach der Machtergreifung nicht die Illusionen vieler seiner Landsleute über Adolf Hitler.
Hochfeichter hatte sich außerordentliche Verdienste um seinen Heimatort erworben. Während der notgeplagten Nachkriegsjahre hatte er mit Geschick und Menschlichkeit den Mangel verwaltet. Als rühriger Alpmeister und Vertreter in überregionalen Verbänden hatte er sich um die Landwirtschaft verdient gemacht. Seiner Weitsicht und seinem pragmatischen Handeln hatte man die Realschule zu verdanken.
Zusammen mit Kurdirektor Hermann Schallhammer hatte er den Nebelhornbahnbau vorangetrieben und sein persönlicher Einsatz für dieses Projekt hatte ihn einen Teil seines Vermögens gekostet.
Es gab kaum einen Mann in Oberstdorf, der mehr Ansehen genoss als Ludwig Hochfeichter.
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Ludwig Fink, Hans Kögler und Ludwig Hochfeichter führten die Gemeindegeschäfte Oberstdorfs vom September 1934 bis zum Einmarsch der französischen Truppen am 1. Mai 1945.
Der Gemeinderat hatte keinerlei Entscheidungsgewalt, seine Aufgabe bestand vor allem darin, in der Bürgerschaft Verständnis für die Maßnahmen und Entscheidungen des Bürgermeisters zu erzielen und den Bürgermeister nach bestem Wissen und Gewissen
zu beraten.
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1943 und 1944 trat der Gemeinderat jeweils nur einmal zusammen, um den Haushalt zu verabschieden und um 1944 den erkrankten Ludwig Hochfeichter zum Ehrenbürger zu ernennen.
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