Georg Bisle

Georg Bisle verbrachte in Mindelheim seine Schulzeit und begann danach die Laufbahn eines Verwaltungsbeamten. Nach seinem Militärdienst in Ulm wurde er 1911 als Marktsekretär des Marktes Oberstdorf angestellt. Er lernte seine Frau Helene, geb. Lebacher, aus Tittmoning in München kennen und heiratete sie am 14.04.1913.

Als Reservist zu Beginn des Ersten Weltkriegs eingezogen, kam er auf Initiative der Gemeinde nach kurzer Zeit dorthin ins Amt zurück, so dass ihm der Kriegsdienst erspart blieb. Der 1911 geborene erste Sohn Martin seiner Frau Helene wurde von ihm adoptiert. Als eigene Söhne folgten Georg 1914 und Josef 1915.

 

Wesentlich seiner Initiative ist es zu verdanken, dass die für Sonthofen geplante Einführung einer Realschule nach Oberstdorf kam, wo sie später zur Oberrealschule bzw. zum Gymnasium weiterentwickelt wurde.

 

Nach langen Jahren als leitender Beamter der Marktgemeinde wurde er 1934 vom nationalsozialistischen Gemeinderat wegen seiner kritischen politischen Einstellung zurückgestuft und durch einen Nationalsozialisten ersetzt. Als Verwaltungsoberinspektor wurde er 1947 aus gesundheitlichen Gründen frühpensioniert.

Georg Bisle war als penibler Beamter bekannt und hatte die Protokollbücher der Marktgemeinde seit 1911 geführt. 1912 nahm der Marktsekretär die erste gemeindliche Schreibmaschine in Betrieb.

 

Georg Bisle gehört zu den Gründungsvätern des CSU-Ortsvereins und war dessen Vorsitzender. Er engagierte sich auch in mehreren anderen Vereinen, meist als Schriftführer. Georg Bisle verstarb am 25.12.1969 im Rot-Kreuz-Seniorenheim in Oberstdorf.

 

Georg Bisle in Unser Oberstdorf, Heft 83

Angelika Patel, Gründung der Oberrealschule Oberstdorf, S. 994 ff. mit zusätzlichem Bildmaterial. www.verschoenerungsverein-oberstdorf.de

 

Aus dem Band V der Geschichte des Marktes Oberstdorf

 

  • S. 104 ff. Seine Rolle bei der Gründung der Realschule in Oberstdorf

 

Schulisches

Wenige Monate vor Ablauf seiner fünfjährigen Amtszeit als Erster Bürgermeister gelang Ludwig Hochfeichter mit tatkräftiger Unterstützung von Marktsekretär Georg Bisle ein in der Kommunalpolitik wohl einmaliger Coup: Innerhalb von nur acht Tagen – zwischen dem 23. August und dem 2. September 1924 – wurde in Oberstdorf ein Privatrealschulverein gegründet, von den Münchner Behörden die Genehmigung für die Schule eingeholt und sie mit 41 Schülern feierlich eröffnet. Diese in gewissem Maße eigenartige, weil durch eine überraschend schnelle Entwicklung gekennzeichnete Entstehungsgeschichte 93 erklärte sich dadurch, dass Oberstdorf die höhere Bildungsanstalt aus Sonthofen entführte. Am 23. August hatte der Privatrealschulverein der Nachbargemeinde nämlich alle Interessierten der Region in den Löwen in Sonthofen eingeladen, um über die geplante Lateinschule zu informieren. In der von Herrn Blanz geleiteten Versammlung stellte sich jedoch heraus, dass das Interesse an einer höheren Schule in Sonthofen äußerst gering war: nur vier Schüler waren angemeldet worden und als Schulräume standen lediglich Nebenzimmer in Gasthäusern zur Verfügung. Die zahlreich anwesenden Oberstdorfer, die immerhin bereits fünfzehn fest angemeldete Schüler verzeichnen konnten, gaben zu verstehen, dass es unter diesen Umständen doch ein Unding sei, täglich die Mehrzahl der Schüler nach Sonthofen zu schicken. Noch am selben Abend, einem Samstag, wurden die ersten Schritte zu der höchst unbürokratischen Schulgründung unternommen. Der Münchener Alois Däntl, der designierte Direktor der Sonthofener Schule, wurde für Sonntag Nachmittag nach Oberstdorf eingeladen, um Näheres über den Aufbau und den Lehrplan der geplanten Schule mitzuteilen. Den Sonntag Morgen nützten die tatkräftigen Gemeindeväter neben dem Kirchgang auch dazu, Fühlung [zu nehmen] mit der hiesigen Gemeinde- und Schulverwaltung, sowie dem Ortsausschuß, dem Verkehrs- und Kurverein zwecks Orientierung über deren Stellungnahme zu der Sache. Um vier Uhr nachmittags, weniger als 24 Stunden nach der Sonthofener Versammlung, fanden sich über 60 Oberstdorferinnen und Oberstdorfer im Saal der Sonne zusammen, um sich unter der Leitung von Georg Bisle über den Stand der Dinge informieren zu lassen. Am selben Tag wurde der Realschulverein Oberstdorf mit 65 Mitgliedern gegründet. Den Vorsitz übernahmen Bürgermeister Hochfeichter und Gemeinderat Andreas Hofmann. Georg Bisle nahm als Schriftführer auf der Stelle 29 Schüleranmeldungen entgegen.

 

  • S. 132 f. wichtiger Träger des Realschulvereins und Mitbegründer des Stenographenvereins

 

Marktsekretär Bisle, ein wichtiger Träger des Realschulvereins, war Mitbegründer des Stenographenvereins, dessen späterer Vorstand Benefiziat Merk Präses der Katholischen Gesellen war.

 

 

  • S. 202 ff. Amtsenthebung
  • S. 205 erfolgreicher Einspruch, trotzdem Degradierung

 

Ab 1934 trat eine Veränderung ein. Die Protokollführung wurde im März Marktsekretär Karl Krauss übertragen, der am 10. November 1933 im Namen der Gemeindebeamten dem Führer der Gemeinde das Gelöbnis der bedingungslosen Gefolgschaft, Pflichterfüllung und Treue abgelegt hatte. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass der ranghöchste Verwaltungsbeamte Oberstdorfs, Verwaltungsinspektor Georg Bisle, seit Oktober 1911 im Dienst der Marktgemeinde, bei diesem feierlichen Akt als Sprecher der Beamtenschaft auftrat. Dessen Stern war unter den neuen Machthabern jedoch schnell gesunken. Im März 1934 enthob ihn Bürgermeister Zettler wegen offenbarer Unfähigkeit, politischer Unzuverlässigkeit und Dienstunbrauchbarkeit seines Amtes. Damit erlebte Georg Bisle in Oberstdorf das, was in den verschiedenen Verwaltungen des Reiches mehr oder weniger stark zum Tragen kam: die Säuberung der Verwaltungen von Anhängern bürgerlicher Parteien, vor allem jenen des politischen Katholizismus. In einer Kampagne, die sehr an diejenige gegen Kurdirektor Schallhammer im Jahr zuvor erinnert, wurden Bisle Untreue, Unterschlagung, Urkundenfälschung und Beamtenbestechung vorgeworfen. Dass frühere Bürgermeister und Gemeinderäte nicht gegen ihn vorgegangen waren, sei nur damit zu begründen, dass Bisle es verstanden habe, sich die jeweiligen Bürgermeister und Gemeinderäte gefügig zu machen und in Abhängigkeit zu bringen, argumentierte Zettler. Nachdem Bisle gegen seine Entlassung beim Staatsministerium des Inneren Beschwerde eingelegt hatte, bezichtigte ihn der von den Nationalsozialisten eingesetzte Oberstdorfer Gemeinderat, dass er neben vorstehenden strafbaren Eigenschaften ein unfähiger, fauler Beamter ist, der nicht den bescheidensten Anforderungen entspricht, ja, der sogar heute noch zu den versteckten Gegnern der Bewegung gehört und oft den Eindruck absichtlicher Geschäftsstörung – Sabotage – erweckt. Sekretär Krauss wurde schnell zum Obersekretär und schließlich zum Verwaltungsinspektor befördert. Seit März 1933 war nicht mehr sachorientierte Neutralität, sondern nationalsozialistische Weltanschauung die erste Pflicht eines Beamten. Bisle legte gegen seine neuen Dienstherren im Oberstdorfer Rathaus Beschwerde beim Bayerischen Innenministerium ein. Dies zeugte entweder von außerordentlichem Mut, außerordentlichem Starrsinn oder von erstaunlicher Naivität. Wusste er nicht, was sich in Deutschland abspielte? In Ermangelung spezifischer Oberstdorfer Quellen muss man auf Veröffentlichungen und Ereignisse aus anderen deutschen Regionen zurückgreifen, um die Atmosphäre in Deutschland 1933/34 nachzuvollziehen.

Georg Bisles Einspruch gegen seine Entlassung war erfolgreich, denn die (noch) unabhängige Oberstaatsanwaltschaft des Kemptener Landgerichts konnte strafbare Handlungen desselben nicht feststellen. Bisles Amtszimmer hatte inzwischen sein Nachfolger bezogen. Der vormals führende Gemeindebeamte Oberstdorfs musste Demütigungen einstecken und hatte an Status verloren. Seine Freiheit und Arbeit hatte er aber – im Gegensatz zu zahllosen Zeitgenossen – behalten.

Beschlußbuch des Marktgemeinderats Oberstdorf 1933, S. 224. 7 Interessanterweise führt Bisle die Protokolle des Ortsausschusses weiterhin, was auf starke persönliche Differenzen zwischen ihm und Bürgermeister Zettler schließen lässt. 8 Von Hehl, S. 25. 9 Im August 1934 wurde gegen Georg Bisle Strafanzeige wegen Veruntreuung (u.a. eines Lichtbildes und eines Briefumschlages im Werte von 12 Pfennig) und Urkundenfälschung erhoben. Das Verfahren wurde jedoch von der Oberstaatsanwaltschaft des Landgerichts Kempten am 28. Oktober 1934 eingestellt, da ausreichender Verdacht einer strafbaren Handlung nicht gegeben ist. Am 13. November 1934 beschloss der Marktgemeinderat unter dem neuen Bürgermeister Ludwig Fink, den Antrag zur Entlassung Bisles zurückzunehmen. Seine Rückstufung wurde jedoch aufrecht erhalten und Marktinspektor Karl Krauss als geschäftsführender Inspektor bestätigt.

Bilder: Nr. 27/S. 46, Nr. 51/S. 68, Nr. 125, S. 205