Teufel (Erläuterungen)

Das jüngste Gericht in der Rohrmooser Kapelle
Das jüngste Gericht in der Rohrmooser Kapelle
Herbert Gruber

Gerade in den letzten Jahren hat die Faszination des Bösen in unserer westlichen Gesellschaft wieder stark zugenommen. Diesen Trend beweisen eine große Anzahl okkulter Filme, wie „Rosmary‘s Baby“ von Roman Polanski oder das Auftreten satanischer Sekten, wie die des Mörders von Sharon Tate, Charles Manson, und auch die Renaissance des Exorzismus in stark konservativen Kreisen der katholischen Kirche. Ihr Anhänger fahren mit Bussen regelmäßig nach Norditalien, um dort Teufelsaustreibungen beizuwohnen. Dahingestellt sei, ob die Ursache darin liegt, dass noch nie so viele Menschen wie im zwanzigsten Jahrhundert von perversen Führern wie Hitler, Stalin oder Mao Tse-tung umgebracht wurden wie im zwanzigsten Jahrhundert. Oder gibt es gar eine Verbindung mit den neusten technischen Entwicklungen, wie der Atombombe, der Genmanipulation und den biologischen und chemischen Waffentechniken. Dabei ist uns jedoch ein festumrissenes „Teufelsbild“, wie unsere Vorfahren es hatten, abhanden gekommen.

Natürlich stellt sich nun die Frage, wie und woher der Teufel in unsere Welt gelangte. Ich möchte hier das Phänomen auf eine nichtreligiöse, rationale und sehr vereinfachte Weise betrachten. Unsere Ahnen der Vorzeit empfanden die Natur und auch die Geschichte als feindselig und bedrohlich. Naturkatastrophen einerseits und Gewalttätigkeiten von Feinden andererseits konnten zum damaligen Zeitpunkt nicht rational, mittels des Verstandes erklärt werden, nein sie wurden auf ein mythisches Bild projiziert, welches das Böse im menschlichen Dasein erschaffen hat. „Anstatt die natürlichen Wechselfälle des Lebens zu akzeptieren, wo Augenblicke der Fülle abgelöst werden von Zeiten der Krise, hat sich der Mensch angesichts des unausweichlichen Todes und Leides auf die quälende „Ursache des Bösen eingelassen“. Die archaischen Kulturen schufen damit die Grundlage für ein Teufelsbild, das die Auseinandersetzung mit dem rationalen Bösen, das ja faktisch existiert, über Jahrtausende verhinderte. Dabei entstanden in den jeweiligen Kulturen und Kulturstufen verschiedene, sich oft widersprechende Bilder des Teufels.

Wie ich in den vorhergehenden Artikeln schon ausgeführt habe, setzen sich viele unserer überlieferten Sagen mit dem Bösen im Menschen auseinander: Hexen lassen Tiere erkranken und Hirten quälen das ihnen anvertraute Vieh. Deshalb ist es verständlich, dass sich wiederum eine ganze Reihe unserer Sagen mit dem Bösesten aller Bösen, dem Teufel selbst beschäftigen. Da sich dabei „christliches Gedankengut verschiedener zeitlicher Schichten, aber auch Vorchristliches und Entchristlichtes ... fast unentwirrbar vereint“, kann ich nur auf einen Teil dieser Aspekte eingehen. Daneben will ich versuchen aufzuzeigen, wie, wann und warum der Teufel in unseren Sagen Eingang gefunden hat.

Beginnen wir mit den Sagen, in denen der Teufel die Hauptrolle spielt. Da der Teufel von seiner Natur her der Gegenspieler Gottes ist, hat er nach der Christianisierung oft die Rolle der vorchristlichen Götter übernommen. Im folgenden Beispiel sind das die verschiedenen Erdgottheiten der griechischen und römischen Antike. Besonders der Gott Pan, der ursprünglich der unbegrenzten Freiheit eines gesetzlosen Lebens der Hirtengesellschaft  entsprang, lieferte ein Grundmuster, das im christlichen Teufel Eingang gefunden hat. Er  frönt den obszönen Freuden des Sexuallebens, ein Vorwurf, der später speziell den Hexen der Neuzeit gemacht wurde. Häufig erschien er als Mischgestalt, in der oberen Hälfte unbehaart und in der unteren Hälfte als grobschlächtiger Ziegenbock. Aber lesen Sie hierzu die Sage „Der 13. Rumpelklaos“, die zwar in Burgberg spielt, Reiser jedoch in Oberstdorf erzählt wurde.

Das Motiv des überzähligen Klausen kommt in den  verschiedensten Variationen im gesamten Allgäuer und auch Vorarlberger Raum vor. Meist haben sie ein weitaus drastischeres Ende, denn einer der Klausen oder gar alle müssen sterben. Es drängt sich der Verdacht auf, dass diese Sage eher ein Disziplinierungsmittel darstellt, um das ausufernde Brauchtum des Klausentreibens einzudämmen, denn dieses Klausentreiben war seit eh und je ein Dorn im Auge der Obrigkeit. Dies bestätigt auch Gertrud Meier aus Sonthofen: „ Von einem älteren Jäger wurde mir gesagt, dass dieser verkleidete Teufel sogar der Gendarm selber gewesen sei, der dem Treiben ein Ende machen wollte.“

Die Androhung des Bösen, als Mittel der Unterdrückung, das wirkte schon seit Menschengedenken, um das einfache Volk in seine Schranken zu weisen. Wird dieses Mittel aber übertrieben, wie zu Zeiten der Inquisition, so kann es dazu führen, dass ökonomisch abgedrängte Gruppen, wie unsere Bauern in der feudalen Gesellschaft, die religiöse Auffassung der Herrschenden ablehnen oder sie sogar auf den Kopf stellen. Hexenbruderschaften und Teufelsbuhlschaften sind der äußere Ausdruck dieses Prozesses. In ganz vereinfachter Form ist dies auch in unseren Sagen zu finden, in denen sich das einfache Volk gegen diese Angstmacherei zur Wehr setzte: Der Teufel wird vermenschlicht, die Geschichten mit einem Schmunzeln erzählt. Oft ist auch eine Spur Neid auf die der Rolle des Teufels erkennbar. Deshalb möchte ich hier dem Volkskundler Richard Beitl widersprechen, der schrieb: „Gewissermaßen als Gegengewicht der höllischen Macht hat der Volkswitz Sagen erfunden...“ Es war nicht ein Gegengewicht zur höllische  Macht, sondern eher gegenüber der Unterdrückung und der Androhung eben dieser Macht durch die damals Herrschenden. 

Die Sage „Geißbock gewinnt Pferderennen“ erinnert nebenbei, als eine der wenigen Überlieferungen, an die Zeit, als Oberstdorf noch berühmt für seine Pferdezucht war. Wollen wir uns der nächsten Erzählung zuwenden, in welcher der Teufel schon mehr in die Rolle des bewunderten Zauberers rückt, die jedoch für uns, im Zeitalter des Flugverkehrs, nichts mehr Teuflisches beinhaltet: „Weihnachtskirschen aus Hinterindien“

Die schwankhaften Sagen vom geprellten Teufel, den man überlisten kann, wie im Märchen „Der Bauer und der Teufel“ von den Gebrüdern Grimm, kommen bei uns nicht vor. Sie sind in fast ganz Deutschland verbreitet und werden oft mit den Sagen von Riesen in Verbindung gebracht, die bei uns im Allgäu jedoch gänzlich verschwunden sind.

Da der Teufel im Grunde seines Wesens der Gegenspieler Gottes ist, befindet er sich stets auf der Suche nach einem sündhaften Menschen, den er für sich gewinnen kann. Was liegt näher, als gerade an die heranzutreten, die sich durch ihr lasterhaftes Leben  hervortun: „Der Kühgund Lenz legt Schindriemen aus“

Erinnert uns diese Sage nicht an die „Klausensage“ zu Beginn? Diesen moralisierenden Unterton finden wir auch in der Sage „Sündhafte Sennen werden bekehrt“. Es ist sicher kein Zufall, dass es gerade die Hirten und Sennen sind, die hier diszipliniert werden sollen. Sie leben in einem quasi rechtsfreien Raum, weit weg von jeder Obrig- bzw. Geistlichkeit. Die Verbindung zum Hirtengott Pan ist offensichtlich.

Nicht anders steht es mit dem Berufstand des Jägers und seinem Widersacher dem Wilderer. Die Jagd macht süchtig, und das nützt natürlich der Teufel für seine Zwecke: „Wie der Teufel sich an den Lutz von Tiefenbach heranmachte“ 
Dass sich der Teufel der Sage sogar richtiggehend in den Dienst Gottes stellt, um Menschen auf den Pfad der Tugend zurückzuführen, sehen wir am „Wilderer Bäschle“.

Taucht hier ein alttestamentarischer Grundgedanke wieder auf, dass Gott selbst den Teufel gewollt und geschaffen hat, um den Menschen auf die Probe zustellen? Aus dem Judentum stammen natürlich unsere grundlegenden Vorstellungen vom Teufel. Dämonologische Synonyme, die ursprünglich jeweils eigene Gestalten darstellen, werden im Neuen Testament mit dem Teufel gleichgesetzt: Luzifer, Satan, Moloch und die Schlange aus dem Paradies, das sind die hebräischen Vorfahren unseres christlichen Teufels, der jedoch immer Gott untersteht. In der Apokalypse des Neuen Testamentes werden dann schließlich die Bilder geschaffen, die typisch sind für die Teufelserfahrung des Mittelalters und die in den Werken von Hieronymus Bosch und Goya y Lucientes so drastisch dargestellt sind. „Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt...“ Hier schließt sich der Kreis und wir sind wieder bei der erzieherischen Komponente des christlichen Teufelsglaubens angekommen, die, wie wir ja schon gehört haben, oft das Gegenteil bewirkt.

Der Gedanke, die teuflische Macht zu benutzen, um im menschlichen Leben voranzukommen, ist ja nicht erste seit Faust bekannt. Ein äußerst wichtiger Berufsstand des Volksglaubens, nämlich der des „Zauberers“, der auch bei uns in einigen Sagen auftaucht, nutzte diesen faustischen Teufelspakt, um Wunderdinge zu vollbringen. Im Gegensatz zu den Hexen, die sich ja auch mit dem Teufel eingelassen haben, besitzen sie einen Namen und werden von der Bevölkerung einerseits gefürchtet, aber auch andererseits bewundert. Im Artikel über die Vendigersagen haben wir schon einen von ihnen kennen gelernt, den Trudeser aus dem Birgsautal. Er konnte mit Hilfe eines Zauberbüchleins den Teufel herbeizitieren und ihm Aufgaben stellen: „Der Trudeser findet ein Zauberbüchlein“
Besonders interessant am Trudeser ist aber, dass es sich um eine historische Person handelt und noch überraschender ist, dass er, als Reiser die Sage im Jahre 1895 veröffentlichte, gerade erst 28 Jahre lang tot war. Wenn wir aber bei Anton Köcheler lesen, dass der „Drüdeslars Jock“, wie er genannt wurde, es verstand, „mit den kultischen Zeichen, den Drudenfüßen und Trudenkreuzen zu hantieren.“, wird klar, dass er schon zu Lebzeiten eine Legende war.

So harmlos der Trüdesar war, er wurde ja auch nicht vom Teufel geholt, umso schlimmer trieb es der „Katzebue zu Tiefenbach“, einem wahrlich schrecklichen Vertreter seiner Zunft.
Obwohl er eigentlich so genau beschrieben wurde, ist mir keine historische Person bekannt, die man ihm zuordnen könnte. Hat es den Katzebue wirklich gegeben? Sicher vermischen sich hier eine Vielzahl von Gestalten, die vielleicht bis in die Keltenzeit zurückreichen, als es bei uns sicher noch keine Kartoffeln gab. Mir erscheint hier Willands Deutungsversuch ziemlich einleuchtend: „Der hier geschilderte Typ des Hexers ähnelt stark den druidischen Traditionen der Kelten. Ein ganz besonders auffälliger Hinweis auf die Gestalt des Druiden ist die Erwähnung der Haselnuss, die im Bereich keltischer Medizin und Religion neben der Mistel eine ganz außerordentliche Rolle spielte. Das frühe Christentum erklärte die Druiden natürlich zu Hexen und Zauberern.“ War er also ein keltischer Druide? Interessant finde ich auch die Stelle, wo sich der Katzebue vor der Obrigkeit auf den Tiefenbacher Friedhof rettete und dort von der Bevölkerung versorgt wurde. Schon zu den Zeiten der Bauernkriege im 16. Jahrhundert wäre er dort nicht mehr sicher gewesen. Diese Stelle deutet also auch weiter zurück in die Vergangenheit. War er ein aufsässiger Bauer, der am Ende des Mittelalters in den Frondienst gezwungen wurde? Natürlich lassen sich seine Schandtaten, insbesondere das „Wettermachen“, in die Tradition der Hexensagen miteinbeziehen. Aber gerade der Aspekt des „Wettermachens“ bringt ihn jedoch wieder weit hinein in die Neuzeit, denn Hexensagen mit dieser Thematik sind jüngeren Datums. Im Gegensatz zu den weiblichen Hexen, die in den Sagen nie namentlich erwähnt werden, ist er eine genau umrissene, bekannte Person. War er ein Tiefenbacher „Chonrad Stoeckhlin“? Auch die Kartoffel, sie wurde in unserer Gegend laut Dr. Alfons Dürr schon 1720, also 50 Jahre früher als im restlichen Deutschland, eingeführt, deutet darauf hin. Hexen wurde bei uns ja noch bis 1775 hingerichtet. Die genaue Beschreibung seines schrecklichen Endes lenkt unser Augenmerk dagegen wieder auf eine historisch fassbare Person, denn bis auf ganz wenige Ausnahmen sind solche Sagen jünger zu nennen. War er also eine Art „Bayrischer Hiasl“, ein Räuber aus der Zeit der napoleonischen Kriege? Sie sehen, der Zahl der Deutungsversuche ist hier schier keine Ende gesetzt, ein Problem das auf das ganze Gebiet der Sagen  zutrifft. Das macht aber auch den Reiz dieser Geschichten aus. Immer wieder gibt es etwas Neues zu entdecken, neue Aspekte tauchen auf und widerlegen ältere Ansätze. Jeder Leser kann für sich selbst interpretieren oder die Geschichten weiterspinnen. Da Sagen früher ja „gesagt“, also erzählt wurden, wurden sie wiederum unter dem jeweiligen Blickwinkel des Vortragenden dargeboten, für ihn Unverständliches wurde weggelassen, neue Gedanken und Interpretationen hinzugefügt. Erst seit die Sagen im ausgehenden 19. Jahrhundert aufgeschrieben wurden, war dieser Prozess gestoppt. Uns bleibt nur noch die Möglichkeit der Auslegung und somit der Versuch, das zu verstehen, was unsere Vorfahren dachten und glaubten. Hier gelangen wir wieder zum Teufel der Sage, einer Gestalt, die widersprüchlicher und auch faszinierender kaum sein kann und uns mehr über den Glauben unserer Vorfahren verrät, als dieser Artikel es aufzuzeigen vermag.

Oberstdorfer Sagen: Der Teufel bringt Kirschen an Weihnachten
Oberstdorfer Sagen: Der Teufel bringt Kirschen an Weihnachten
Brigitte Rößle
Wilde Klauesen am Klausentag 2003
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